Titelgeschichte 6 Rund um den Glockenturm · August / September 2026 Was uns trägt, wenn nichts mehr trägt Über die Kraft der Resilienz Es gibt Momente im Leben, die alles auf den Kopf stellen. Eine Diagnose. Der Verlust eines geliebten Menschen. Ein Sturz, der plötzlich alles verändert, was vorher selbstverständlich war. In solchen Momenten stellt sich eine Frage, die niemand gerne stellt, aber jeder irgendwann beantworten muss: Wie gehe ich weiter, wenn der Boden unter mir wegbricht? Genau darum geht es bei Resilienz. Nicht darum, keine Krisen zu erleben. Sondern darum, wie Sie mit ihnen umgehen, wenn sie kommen. Und sie kommen ja doch immer wieder einmal. Resilienz ist kein Talent Viele Menschen glauben, manche seien einfach von Natur aus stärker als andere. Manche könnten Rückschläge wegstecken, andere nicht. Diese Vorstellung ist bequem, aber sie stimmt nicht ganz. Resilienz lässt sich lernen. Sie wächst mit jeder Krise, die Sie durchstehen, mit jeder Erfahrung, die zeigt: Ich habe das überlebt, also schaffe ich auch das Nächste. Eine Bewohnerin bei uns verlor mit 78 Jahren ihren Mann nach 52 gemeinsamen Jahren. In den ersten Wochen konnte sie kaum aufstehen. Nach einigen Monaten begann sie, jeden Morgen einen kurzen Spaziergang zu machen. Erst zehn Minuten, dann zwanzig. Sie sagt heute, der Spaziergang habe ihr nicht die Trauer genommen. Aber er habe ihr gezeigt, dass sie trotz der Trauer noch handlungsfähig ist. Genau das ist Resilienz. Nicht das Verschwinden des Schmerzes, sondern die Fähigkeit, trotz des Schmerzes weiterzugehen. Sie ist aus der Haltung des Trauerns ins Handeln gekommen und hat sich dadurch ein Stück der Welt neu erobert. Eine Insel, die die Forschung veränderte Der Begriff Resilienz stammt ursprünglich aus der Physik und beschreibt die Fähigkeit eines Materials, nach einer Verformung wieder in seine ursprüngliche Form zurückzukehren. In die Psychologie kam er erst durch eine der bemerkenswertesten Langzeitstudien der Wissenschaftsgeschichte. 1955 begann die Entwicklungspsychologin Emmy Werner gemeinsam mit ihrer Kollegin Ruth Smith, einen kompletten Geburtsjahrgang auf der HawaiiInsel Kauai zu begleiten. Fast 700 Kinder wurden über vier Jahrzehnte hinweg beobachtet, immer wieder befragt und untersucht, bei der Geburt, mit einem Jahr, mit zehn, mit achtzehn, mit zweiunddreißig und mit vierzig Jahren. Ein Drittel dieser Kinder wuchs unter schwierigen Bedingungen auf. Armut, Krankheit, Alkoholprobleme oder Gewalt in der Familie gehörten zu ihrem Alltag. Die Forscherinnen erwarteten, dass diese Kinder es später im Leben besonders schwer haben würden. Bei den meisten traf das auch zu. Doch ein Teil dieser Kinder entwickelte sich trotzdem zu stabilen, zufriedenen Erwachsenen. Sie fanden gute Arbeit, gründeten Familien, blieben psychisch gesund. Werner wollte wissen, was diese Kinder von den anderen unterschied. Die Antwort überraschte sie. Es war selten eine besondere Begabung oder ein glücklicher Zufall. Meistens gab es eine einzige feste Bezugsperson, eine Großmutter, ein Lehrer, ein Nachbar, die dem Kind das Gefühl gab, gesehen und wichtig zu sein. Diese Erkenntnis aus einer kleinen Insel im Pazifik legte den Grundstein für die moderne Resilienzforschung. Sie zeigte etwas, das bis heute gilt: Widerstandskraft entsteht selten allein. Sie entsteht im Kontakt mit anderen Menschen und dadurch, dass ich ins Handeln komme. Die Rolle von Beziehungen Kein Mensch übersteht schwere Zeiten allein. Das ist keine Schwäche, das ist menschlich. Menschen mit stabilen sozialen Bindungen kommen besser durch Krisen als Menschen, die isoliert sind. Ein Anruf von der Tochter, ein Nachbar, der fragt, wie es geht, ein Gespräch mit einem alten Freund. Diese kleinen Kontakte wirken größer, als sie aussehen. Fragen Sie sich einmal: Wer sind die Menschen, an die Sie sich in einer schwierigen Zeit wenden wür-
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