Rund um den Glockenturm 10/11 2026

Titelgeschichte 6 Rund um den Glockenturm · Oktober / November 2026 Künstliche Intelligenz und digitale Enkeltricks Vertraute Stimme, die betrügt Was Künstliche Intelligenz eigentlich ist Künstliche Intelligenz, kurz KI, ist ein Computerprogramm, das aus riesigen Mengen an Daten lernt, Muster zu erkennen und selbst neue Inhalte zu erzeugen. Es kann Texte schreiben, Bilder malen, Musik komponieren. Und es kann Stimmen und Gesichter täuschend echt nachbilden. Genau diese letzte Fähigkeit nennt man »Deepfake«. Der Name setzt sich zusammen aus »Deep Learning«, einer Lernmethode der KI, und »Fake«, also Fälschung. Ein Deepfake ist demnach eine künstlich erzeugte Stimme, ein künstlich erzeugtes Video oder Bild, das täuschend echt wirkt, obwohl es nie so stattgefunden hat. Vor wenigen Jahren brauchte man dafür noch teure Technik und viel Fachwissen. Heute reicht oft eine kurze Sprachaufnahme von wenigen Sekunden, um eine Stimme nachzubilden. Solche Aufnahmen finden Betrüger leicht auf Social Media, in Sprachnachrichten oder sogar auf dem Anrufbeantworter. Der neue Enkeltrick Der klassische Enkeltrick ist vielen bekannt. Ein angeblicher Enkel ruft an, behauptet, in einer Notlage zu sein, und bittet um Geld. Früher erkannte man solche Anrufe oft an einer fremd klingenden Stimme oder einer unglaubwürdigen Geschichte. Diese Sicherheit gibt es nicht mehr. Betrüger setzen inzwischen KI ein, um die tatsächliche Stimme eines Enkels oder einer Tochter nachzubilden. In einem bekannt gewordenen Fall überwies ein Vater in München mehrere Tausend Euro, weil er überzeugt war, seine Tochter habe einen Unfall verursacht. Ihre Stimme am Telefon war perfekt nachgeahmt. Sie selbst hatte nie angerufen. Umfragen zeigen, dass bereits ein spürbarer Teil der Menschen in Deutschland selbst oder über Bekannte mit solchen KI-Betrugsanrufen in Berührung gekommen ist. Die Zahl der besonders raffinierten Betrugsversuche mit Deepfakes ist im vergangenen Jahr deutlich gestiegen, das bestätigen mehrere aktuelle Auswertungen von Sicherheitsbehörden und Fachinstituten. Nicht nur am Telefon Deepfakes tauchen nicht nur bei Anrufen auf. Auch gefälschte Videos verbreiten sich zunehmend im Internet. Bekannte Personen aus Fernsehen oder Politik werben darin scheinbar für Geldanlagen, Wundermittel oder Gewinnspiele. Das Gesicht ist echt, das Video jedoch wurde nie so aufgenommen. Solche Videos wirken glaubwürdig, weil ein bekanntes Gesicht automatisch Vertrauen schafft. Genau das machen sich Betrüger zunutze. Wer ein solches Video teilt oder auf den beworbenen Link klickt, landet häufig bei einer betrügerischen Anlageplattform oder einer gefälschten Internetseite. Woran Sie einen Deepfake erkennen Die gute Nachricht zuerst: Auch die beste KI hat Schwächen. Sie muss in Echtzeit reagieren, eine Geschichte konsistent halten und gleichzeitig Stimme oder Bild überzeugend wirken lassen. Genau an dieser Stelle entstehen kleine Fehler, die sich entlarven lassen. Bei einem Telefonanruf lohnt es sich, auf ungewöhnliche Pausen zu achten, auf eine leicht monotone Sprachmelodie oder auf Antworten, die nicht ganz zur Frage passen. Wenn Sie eine gezielte Zwischenfrage stellen, etwa nach einem gemeinsamen Erlebnis, das nur der echte Enkel kennen kann, geraten viele Betrugsversuche schnell ins Wanken. Bei Ein Anruf am Nachmittag. Am anderen Ende: die Stimme der Enkelin, aufgelöst, in Tränen. Ein Unfall, eine Kaution, es müsse schnell gehen. Die Stimme klingt genau richtig, jede Betonung stimmt, sogar das leise Räuspern zwischendurch. Nur ist die Enkelin nie am Telefon gewesen. Genau solche Fälle häufen sich gerade in Deutschland. Und dahinter steckt Künstliche Intelligenz.

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