4 Rund um den Glockenturm · August / September 2026 Moment mal! Was für Aussichten! Das Schloss Bellevue für Sanierung zwei Jahre geschlossen Bellevue heißt so viel wie schöne Aussicht. Ja, die Aussichten sind nicht rosig im Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung und die Weltlage. Die Nachricht von Bellevue für mich auch beispielhaft. Auch unsere Gesellschaft und Demokratie braucht eine Generalüberholung. Es wird Herbst und mancher schaut nervös und bang auf die Wahlergebnisse bei den Landtagswahlen. Vieles liegt im Argen! Manch einer ist resigniert, sieht sich nicht mehr gesehen. Manch einer macht‘s sich bequem, zieht sich raus. Oder setzt auf vermeintlich einfache Lösungen in einer immer komplexeren und angespannten Weltlage. Schloss Bellevue – die schöne Aussicht – sie bleibt erst einmal geschlossen! Doch zuvor gab es im Juni in Berlin eine Einladung an die Bürger:innen: Haus auf! Kommt und seht! Die Schönheit der Kunst, die Freiheit der Demo- kratie, die manchmal auch so fordernd und anstrengend ist. Da ist viel zum Danken, vergesst es nicht! Trotz allem. Und der Bundespräsident begrüßte in Miniatur, als Kunstobjekt, in Bellevue die Besucher, als wolle er sagen: Ihr seid das Volk – übernehmt Verantwortung, es ist euer Haus, das da eine Sanierung und einen neuen Anstrich braucht. Ja, die Aussichten sind nicht rosig. Wir sind nicht länger passive Zuschauer:innen, sondern sind gefragt. Und Veränderung zum Guten ist immer möglich, das ist der Kern des Evangeliums. Von einer Geschichte, in der einer seine Zuschauerposition verlässt und neu ins Denken und Handeln kommt, erzählt das Lukasevangelium. Nachzulesen dort im Kapitel 19, 1-10. Zachäus, seines Zeichens Profiteur eines korrupten Systems und gewiefter, gnadenloser Steuereintreiber, ist neugierig geworden. Jesus kommt in die Stadt. Was es denn mit diesem Jesus auf sich habe, dem das Volk nachläuft und an dessen Lippen sie hängen? Er will es wissen. Klein von Statur und lieber undercover, versteckt er sich auf einem Baum, um das Treiben – aus sicherem Abstand – zu beobachten. Der Menschentross um Jesus zieht durch die Straßen. Da hört er auf einmal seinen Namen. »Heut Abend komme ich in dein Haus, Zachäus, und will dein Gast sein!« Zachäus erschrickt, er ist entdeckt, muss raus aus seinem Versteck. Und die Jesusfans, sie sind enttäuscht und sauer. »Mit so einem sitzt er zu Tisch?« Einem korrupten Profiteur des Systems. Der Abend kommt. Jesus sitzt zu Tisch mit Zachäus und sie reden über Gott und die Welt und auch über Verantwortung und Schuld. Das Undenkbare geschieht. Da kommt auf einmal neue Bewegung ins Denken und Handeln. Zachäus fühlt sich gesehen – in Allem. Nennt es Heiligen Geist oder ein neuer Spirit: Zachäus ändert sein Denken und Handeln, er will nicht länger Profiteur eines Systems sein, das zu Lasten der Schwächeren geht. Er begreift sich neu als Teil der Gesellschaft und übernimmt Verantwortung. Was für Aussichten! Bellevue! n Petra Wilhelm-Kirst
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