28 Rund um den Glockenturm · August / September 2026 Leben bei uns Leserbeitrag Eine Azalee erzählt Schön anzusehen, so kam es mir vor, stand ich in einer Gärtnerei und wartete auf das, was mit mir passieren würde. Um mich herum war reges Leben und Treiben. Menschen, so werden diese Wesen genannt, kamen und gingen, sahen mich und meine Mitschwestern an und gingen vorüber. Wir kamen uns minderwertig vor, waren wir doch stolz auf unsere Blütenpracht. Bis eine Frau kam, es gibt Unterschiede bei diesen Menschen, und bei mir stehen blieb. Ihr Blick traf mich bis in die Wurzeln. Sie hob mich auf, murmelte etwas, das sich anhörte wie »Wunderschön«, ging zu einem Tisch, wo sie irgendwelche blanken Steine hinlegte, stellte mich in einen Korb auf ein Gestell mit zwei Rädern. Das bewegte sich so schnell, dass mir die Blätter um die Blüten flogen und mir angst und bange wurde. Aber alles ging gut. Wir hielten an einem Tor, da stand eine 15 zu lesen, denn Zahlen kannte ich aus der Welt, aus der ich kam. Da stand ich nun. Ich sah mich um, schlecht war es hier anscheinend nicht für meinesgleichen. Ich sah viele meiner Geschwister, nur waren die meisten viel größer als ich. Vielleicht hatte ja diese Frau ein Zaubermittel und ich würde auch noch wachsen. (Die 15 war unsere Hausnummer.) Nach einer Nacht in Dunkelheit und Kühle wurde ich eingewickelt. Das kitzelte, aber ich blieb ruhig, denn ich war sehr neugierig, was nun passieren würde. Wir fuhren wieder, aber diesmal noch schneller, eine Riesenmaschine kam auf uns zu und eine Stimme rief: Hamburg Hbf, nach Hannover einsteigen. Ich wurde unter einen Tisch gestellt, sah viele Füße vorübergehen und war froh, mich verkriechen zu können, denn es rüttelte fürchterlich unter mir. Ich sehnte mich zurück in den stillen Garten mit der Nr. 15. Mit meinen letzten Blütenaugen – denn meine Pracht hatte schon sehr gelitten – sah ich Bäume vorüberfliegen. Diese Welt jagte mir Schrecken ein. Irgendwann schienen wir angekommen zu sein, es wurde ruhig, sehr ruhig. Aus großen Häusern kamen Wesen in schwarzen Kleidern, mit einem seltsamen Hut auf dem Kopf. Wo war ich gelandet? Diese Wesen – ich vermute, sie gehörten auch zu den Menschen – sagten »Schwester« zueinander. Aus geöffneten Fenstern hörte ich sie murmeln und singen. Wenn sie »Amen« sagten, waren sie fertig. In einem Apparat mit einer langen Schnur hörte ich eine Schwester sagen: »Hier Missionshaus Neuenbeken bei Paderborn.« Da war ich also! Allmählich war ich stolz darauf, das alles erleben zu können. Wieder verlebte ich eine Nacht in einer fremden Umgebung. Dann wurde ich zu einer seltsamen Wiese getragen. Darauf standen viele Steine, auf denen etwas geschrieben stand, davor standen Blumen und Kerzen. Ich war auf einem Friedhof. Sollte ich hier bleiben? Wir blieben vor einem Stein stehen. Aber, was war das? Hier war alles so wohlgeordnet, dass für mich kein Platz mehr war. Mein Frau, die mich hergebracht hatte, schien ratlos zu sein. Wir gingen wieder zurück in das Haus, die seltsamen Wesen sangen immer noch oder schon wieder. Was dann auf dieser komischen Wiese weiter passierte, weiß ich nicht und wollte es auch nicht wissen. Allmählich hatte ich genug von dem Trubel. Am nächsten Tag fuhren wir wieder mit dieser langen Riesenmaschine. Wir fuhren denselben Weg zurück. Ich sah zerzaust aus von dem vielen hin und her. Statt der bewundernden trafen mich jetzt nur noch mitleidige Blicke. Ich kroch in mich zusammen und schlummerte ein, bis mich ein Geräusch weckte, das mir bekannt vorkam. Es war der quietschende Ton des Tores der Nr. 15. Ich sprach mir Mut zu, das Schlimmste schien überstanden zu sein. Am nächsten Tag bekam ich einen Platz in diesem Garten, mein Durst wurde gelöscht mit einer großen Kanne Wasser. Ich streckte meine Wurzeln tief in die duftende Erde und freute mich wieder meines Lebens. Der Spuk war vorüber. n Hedwig Kassner
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