Titelgeschichte 6 Rund um den Glockenturm · Juni / Juli 2026 Warum Hamburg ohne Ehrenamt nicht Hamburg wäre Von Caspar Voght ins HzHG Es war ein kalter Hamburger Winter, als Caspar Voght eine Entscheidung traf, die Geschichte schreiben sollte. Der 36-jährige Kaufmann sah täglich, was Armut bedeutete. Ein Drittel der Hamburger Bevölkerung lebte in Not. Auf den Straßen bettelten Menschen, in überfüllten Stuben froren Familien. Voght gründete 1788 gemeinsam mit dem Juristen Johann Arnold Günther und dem Leiter der Handelsakademie Johann Georg Büsch die »Allgemeine Armenanstalt«. Das Besondere daran: Im Gegensatz zur bisherigen kirchlichen Armenpflege setzte die Reform bei den konkreten wirtschaftlichen Bedürfnissen der Betroffenen an. Kein Almosen mehr. Stattdessen Arbeit, Bildung, medizinische Versorgung. Und etwas, das es so noch nicht gegeben hatte: Zu den rund 650 Ämtern in der städtischen Selbstverwaltung kamen 1788 sofort 200 Ehrenämter in der neuen Armenanstalt. Hamburg hatte gerade das Ehrenamt erfunden. Eine Stadt, die hilft – weil sie es immer getan hat Wer Hamburg verstehen will, muss den Hafen verstehen. Die Hansestadt verdankt ihre Bedeutung vor allem dem Seehandel. Menschen aus aller Welt sind in Hamburg vor Anker gegangen und haben die Stadt genauso geprägt wie die Alteingesessenen. Viele der ankommenden Seeleute brauchten Hilfe und Unterstützung. Für viele Hamburgerinnen und Hamburger war es selbstverständlich, zu helfen. Nicht aus Pflicht, sondern aus einem Verständnis heraus, das bis heute lebt: Wer kann, der gibt. Voghts Idee wuchs schnell über Hamburg hinaus. 1801 rief ihn Kaiser Franz II. nach Wien, um Vorschläge für eine Reform des Wiener Armenwesens zu erarbeiten. Der Kaiser verlieh Voght für seine Verdienste den Titel eines Reichsfreiherrn. Was in einer Hamburger Gasse begann, veränderte die Sozialarbeit ganz Europas. Das 19. Jahrhundert brachte neue Herausforderungen. Industrialisierung, Massenarmut, Seuchen. Hamburg war eine der am dichtesten besiedelten Städte Europas. Und wieder waren es Bürgerinnen und Bürger, die anpackten. Vereine entstanden, Hilfswerke, Genossenschaften. 1808 tauchte in der Preußischen Städteverordnung erstmals der Begriff »Ehrenamt« offiziell auf – aber gelebt wurde er in Hamburg schon längst. Das 20. Jahrhundert stellte die Stadt vor viele Herausforderungen: Krieg, Wiederaufbau, Flüchtlingsströme. Jedes Mal standen Menschen auf, die halfen. Nicht weil es jemand verlangte, sondern weil es zum Hamburger Selbstverständnis gehört. Diese Kultur des sozialen Engagements prägt noch heute die ehrenamtliche Tätigkeit der Hamburgerinnen und Hamburger. Über 2.000 Angebote zählt allein die städtische Ehrenamtsbörse heute. Von der Flüchtlingshilfe über die Seniorenbetreuung bis zur maritimen Denkmalpflege – mehr als 1.300 Ehrenamtliche setzen sich allein für den Erhalt der historischen Schiffsflotte und der alten Hafenanlagen ein, wie die Stiftung Hamburg Maritim mitteilt.
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