4 Rund um den Glockenturm · April / Mai 2026 Moment mal! Gottes Weckruf zum Leben »Vom Eise befreit sind Strom und Bäche … im Tale grünet Hoffnungsglück … «, so beginnt das Gedicht »Osterspaziergang« von Johann Wolfgang von Goethe. Ist Ihnen auch nach einem Osterspaziergang zumute, nach Frühling, Farben, Licht und Wärme? Ein unvermutet langer, schneereicher und kalter Winter liegt hinter uns. Das Leben war manchmal verlangsamt. Nun sehnen wir uns nach Frühling und Aufbruch. Goethe verbindet sein Ostergedicht aus dem Jahr 1808 mit Aufwachen und dem Wecken der Natur und den belebenden Lebenskräften in uns. Raus aus engen Denk-Mauern und Städten ins Freie! Auch im übertragenen Sinn. Der Osterspaziergang ist hier Aufbruch ins Freie, ins Leben und endet mit dem Ruf »Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!« Aufbruch ins Freie, ins Leben, von diesem Weckruf erzählt Ostern. Das wichtigste, höchste und älteste Fest der Christenheit. »Christ ist erstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!« So lautet der alte Osterruf der Christen, und das Licht der Osterkerze bringt den ersten hellen Schein in die Dunkelheit der Osternacht. Das Leben und das Licht brechen sich immer wieder Bahn, sind stärker als alles Dunkel, überwinden Leid und Tod. Ostern, was heißt das für unser Leben? Hoffnung und Neuanfang. Für mich bedeutet es, dass da Hoffnung ist, weil Gott Hoffnung für mich und für die Welt hat. Trotz aller zerstörerischen Kräfte, die wir Menschen an den Tag legen. Ostern – Auferstehung ins Leben, in die Hoffnung hinein. Ostergeschichten: Ostern … den ersten kleinen Spaziergang wagen nach einer längeren Krankheitsphase. Ostern … ein lang ersehnter Anruf, und wieder ins Gespräch kommen nach einem Streit und Sendepause. Ostern … ein Besuch am Grab eines lieben Menschen. Spüren, in aller Traurigkeit, dass die Liebe bleibt und mich wieder neu ins Leben locken will. Ostern hat viele Gesichter und Farben, entdecken Sie Ihre Ostergeschichte – mitten im Alltag, die zum Leben ermutigt. Frohe gesegnete Ostern! n Pastorin Petra Wilhelm-Kirst Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; Im Tale grünet Hoffnungsglück; Der alte Winter, in seiner Schwäche, Zog sich in rauhe Berge zurück. Von dort her sendet er, fliehend, nur Ohnmächtige Schauer körnigen Eises In Streifen über die grünende Flur; Aber die Sonne duldet kein Weißes, Überall regt sich Bildung und Streben, Alles will sie mit Farben beleben; Doch an Blumen fehlt's im Revier, Sie nimmt geputzte Menschen dafür. Kehre dich um, von diesen Höhen Nach der Stadt zurückzusehen. Aus dem hohlen, finsteren Tor Dringt ein buntes Gewimmel hervor. Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn, Denn sie sind selber auferstanden, Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, Aus Handwerks- und Gewerbes-Banden, Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, Aus der Straßen quetschender Enge, Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht Sind sie alle an's Licht gebracht. Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge Durch die Gärten und Felder zerschlägt, Wie der Fluß in Breit' und Länge So manchen lustigen Nachen bewegt, Und, bis zum Sinken überladen, Entfernt sich dieser letzte Kahn. Selbst von des Berges fernen Pfaden Blinken uns farbige Kleider an. Ich höre schon des Dorfs Getümmel, Hier ist des Volkes wahrer Himmel, Zufrieden jauchzet groß und klein; Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein! Osterspaziergang von Johann Wolfgang von Goethe
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